Unser zweiwöchiger Aufenthalt im Allgäu endet mit einem Disko-Abend. Obwohl ich überhaupt keine Lust auf Party habe, mache ich mich schön und ziehe meine neue Latzhose an. Was Mama wohl sagen würde, wenn sie wüsste, in welcher Krise ihre Töchter stecken? Astrid hat seit dem Vorfall am See nicht mehr mit mir gesprochen, und auch Milan ist seither irgendwie distanzierter – ich vermute, dass sie ihm davon erzählt hat.
Une soirée disco est prévue pour clôturer notre séjour. Je n’ai pas du tout la tête à faire la fête mais je me fais quand belle, et porte ma nouvelle salopette. Je me demande ce que dirait ma mère, si elle savait comment ça se passe entre ses deux filles. Astrid ne m’a pas adressé la parole depuis l’événement au lac, Milan aussi est distant. J’imagine qu’elle a discuté avec lui.
Paul ist so wie immer, während ich mich mal wieder über mich selbst ärgere, weil ich es nicht schaffe, die Beziehung abzubrechen und ihm klar und deutlich zu sagen, dass ich sein Verhalten meiner Schwester gegenüber nicht tolerieren kann. Wieder muss ich an die fiesen Kommentare denken, die Niels aushalten musste. Es war eine kleine Gruppe von Schülern, die ihn mit allen Mitteln fertig machen wollten: Verbal, mit höhnischen Gesten und natürlich in den sozialen Netzwerken. Wahnsinn, was dort alles gepostet wurde. Er hat es irgendwie überstanden, indem er am Ende die Tage zählte, und vor allem, weil der Schüler, der für die krassesten Beleidigungen verantwortlich war, schließlich von der Schulleitung bestraft wurde.
Obwohl ich Niels eigentlich nicht besonders nahe stehe, hat mich die Geschichte ziemlich betroffen gemacht. Ich mag ihn gern, er ist ein netter Junge, schüchtern, aber ziemlich hübsch. Vor allem kenne ich ihn schon sehr lange, wir sind zusammen aufs Gymnasium gekommen und waren beide Klassensprecher. Es war immer lustig mit ihm. Als er auf einmal gemobbt wurde, dachte ich, dass es schlimm sein muss, all die fiesen Sprüche zu ertragen, doch ich habe mich nicht für ihn eingesetzt, was ich heute sehr bereue.
Bien que je ne sois pas très proche de Niels, j’ai été très affectée par ce qui lui arrivait. Je l’aime bien. Il est sympa, timide, pas si mal physiquement et surtout je le connais depuis longtemps. On était déjà ensemble au collègue, où il a été délégué au en même temps que moi, et on rigolait bien. Lorqu'il a été harcelé, j'ai pensé que ça devait être difficile d'être tout à coup l’objet de quolibets, sans vraiment savoir pourquoi.Pourtant, je ne me suis pas engagée pour changer la situation, et je le regrette.
Was Paul mit Astrid macht, ist eigentlich das gleiche, und wenn ich ehrlich zu mir selbst wäre, müsste ich ihn sofort aus meinem Freundeskreis verbannen. Aber leider kann ich auf seine Küsse und Komplimente nicht so einfach verzichten. Seine beiden Kumpels weichen nicht von seiner Seite, ignorieren mich dabei jedoch total. Ich habe keine Ahnung, was Paul ihnen über uns erzählt hat. Vermutlich wissen sie Bescheid.
Nach dem Abendbrot beschließe ich, Paula anzurufen. Ich möchte ihr meinen Kummer anvertrauen und sie wie immer um Rat fragen. Und natürlich möchte ich hören, was sie selbst Neues zu berichten hat. Sie geht sofort ans Handy und hat Zeit, ein Glück! Zuerst frage ich, wie es ihr geht. Insgesamt sehr gut, erzählt sie, auch wenn sie sich zum ersten Mal mit Arno gestritten hat. Es ging um seine Ex, die offenbar eifersüchtig ist und ihm andauernd Likes schickt, wenn er etwas auf Instagram postet. Irgendwann hatte Paula dann genug.
Wie Jungs halt so sind, hat Arno natürlich überhaupt nicht verstanden, wo das Problem ist, und ist seinerseits ausgeflippt. Als der Sturm sich dann wieder gelegt hat, war alles wieder gut, Paula ist im siebten Himmel. Obwohl ich nicht gut drauf bin, freue ich mich für sie. Dann erkundigt sich Paula nach meinen Ferien und stellt schließlich die unvermeidliche Frage: „Und, wie läuft’s mit Paul?“ Da merke ich, dass ich den Moment verpasst habe, ihr mein Herz auszuschütten.
Les garçons ne réagissant pas comme nous, Arno n’a pas compris évidemment, où était le problème, et il est monté sur ses grands chevaux. Une fois l’orage passé, ils se sont retrouvés, et maintenant elle est sur son nuage. Malgré mon petit moral, je suis heureuse pour elle. A son tour, Paula m’interroge sur mon séjour, et lorqu'elle me pose la question fatidique « Alors, raconte, comment ça se passe avec Paul ? », je sens que ce n’est plus le moment de me plaindre ni de m’épancher.
Außerdem habe ich keine Lust, über Astrid zu reden, ich kann Paula auch zu Hause noch alles erzählen.
Ich zeichne daher ein sehr harmonisches Bild von unserem Aufenthalt und
erwähne nur die schönen Momente.
Wir verabschieden uns lachend und freuen uns beide, uns bald wiederzusehen.
Ich habe gerade aufgelegt, als auf einmal Paul auf mich zukommt und mich auf die Tanzfläche zieht. Er ist großer Fan von Disco-Funk, seine Eltern haben selbst viel Achtziger-Jahre-Musik gehört, er ist mit den ganzen Hits aufgewachsen und tanzt wie ein junger Gott. Er sieht noch besser aus als sonst. Kann ich nicht einfach einen Abend lang alles vergessen, seine dunkle Seite, seine gemeinen Kommentare gegenüber meiner Schwester, und einfach den Moment genießen?
Ich schwebe wie auf einer Wolke und merke darüber nicht einmal, dass Paul mich küsst, ich bin wie im Rausch und spüre nur seinen Mund auf meinen Lippen, bis ich plötzlich realisiere, dass alle uns sehen können. Dabei wollten wir doch unbemerkt bleiben. Was hat uns bloß geritten? Ich habe kaum Zeit nachzudenken, da sehe ich Astrid schon auf mich zukommen. Paul hat sich kurz entfernt und geht Getränke holen. Meine Schwester nutzt den Moment, um mich zur Rede zu stellen. Ich sehe ihr an, wie wütend sie ist.
„Willst du mich verarschen, oder was? Der Typ, der mich seit zwei Wochen ununterbrochen hänselt und fertig macht, ist dein Lover!“
Ich habe sie noch nie so reden hören, es ist wie ein Rollentausch, als wäre sie auf einmal die ältere von uns beiden. Das Gefühl ungerecht behandelt zu werden macht sie stark, auf einmal wachsen ihr Flügel. Ich habe keine Zeit ihr zu antworten, weil sich plötzlich Felix zwischen uns stellt.
Je ne l’ai jamais entendue me parler sur ce ton, comme si les rôles s’étaient inversés, et qu’elle avait pris le dessus. L’injustice qu’elle ressent lui donne des ailes. Je n’ai pas le temps de lui répondre, que Felix qui était dans les parages se place entre nous et lance :
„Keine Sorge, kleine Astrid, in ein paar Stunden ist es sowieso vorbei. Übermorgen ist Paul wieder bei seiner Freundin in der Bretagne und der Ferienflirt mit Elisa ist Geschichte.“
Ich habe das Gefühl, dass jemand mir ein Messer ins Herz gerammt hat, ich spüre die Klinge, doch ich sehe die Tatwaffe nicht. Bereits Astrids Vorwürfe haben mich getroffen, aber das macht mich einfach nur fertig. Habe ich richtig gehört? Paul ist bereits liiert und ich bin nur der Lückenfüller für die Ferien? Aus den Augen, aus dem Sinn, wie ein Matrose, der von einem Hafen zum anderen fährt. Ich will es nicht wahrhaben, dass mir das alles so nahe geht.
Je sens comme la lame d’un couteau plantée bien profondément mais ne vois pas l’arme. Les reproches d’Astrid m’ont certes touchée, mais là, je suis anéantie. Ai-je bien entendu ? Paul a déjà une copine en Bretagne, et moi je suis son passe-temps pour les vacances. Loin des yeux, loin du cœur, tel le marin qui va de port en port. Je n’arrive pas à croire que ça me touche autant.
„So ein Vollidiot!“ ruft Astrid nur und geht weg.
Ich bleibe allein zurück. Mein Atem geht schnell und unregelmäßig, ein trüber Schleier senkt sich auf meine Augen. Da spüre ich, wie mir jemand den Arm um die Schultern legt. Wie in einem Traum taucht Milan vor mir auf und führt mich hinaus, weg von den Scheinwerfern der Tanzfläche. Ich brauche frische Luft, muss meine Emotionen in den Griff kriegen. Ich breche in Tränen aus.
Milan ist da und kümmert sich um mich. Er tröstet mich und macht dumme Sprüche, um mich zum Lachen zu bringen, aber ich bin einfach zu traurig. Mein Versuch zu lächeln misslingt, am liebsten würde ich mich in eine Maus verwandeln und mich in mein Loch verkriechen. Paul möchte ich nicht mehr sehen, nie wieder, und ich will auch nie wieder ein Wort mit ihm wechseln. Der Typ ist einfach komplett daneben, er kann einem fast leid tun.
Milan est là, il s’occupe de moi. Il me console, en essayant de me raconter des bêtises pour me faire rire, mais j’ai en gros sur la patate et n’arrive pas à esquisser un sourire. J’aimerais être une petite souris, et disparaître dans un petit trou. En attendant, je ne veux plus voir Paul, et surtout ne plus lui adresser la parole, plus jamais. Il a tous les défauts de la terre, ce pauvre type.
Warum musste ich mein Herz ausgerechnet an so einen Idioten verlieren, wo ich doch normalerweise immer so vorsichtig bin und es mir zweimal überlege, bevor ich mich auf jemanden einlasse! Echt genial, das deutsch-französische Feriencamp ist zu Ende und ich habe noch mehr Klischees im Kopf als vorher: Franzosen sind Lügner, Aufreißer und Schönredner, große Klappe, nichts dahinter. Die Deutschen sind da anders, sie „flirten sehr subtil“, wie es die Band Wir sind Helden in ihrem Lied „Aurélie“ gesungen hat, aber immerhin verarschen sie einen nicht die ganze Zeit.
Warme Tränen fließen mir über die Wangen, gleichzeitig entlädt sich in mir ein Tsunami der Gefühle: Wut, Verbitterung, Enttäuschung, Scham. Milan sitzt ganz ruhig neben mir und hält meine Hand, ohne mich zu belehren, nach dem Motto „ich habe dich ja gewarnt“ oder so.„Paul sieht eben super aus“, sagt er nur augenzwinkernd. „Ich fand ihn am Anfang ja auch total attraktiv, aber zum Glück war ich vorsichtig.“
Alors que je pleure à chaudes larmes, je ressens un tsunami de sentiments : colère, amertume, déception, honte. Milan est là, tout simplement à mes côtés, il me tient la main et ne me fait même pas la leçon, genre « je t’avais avertie ». Il me dit juste :
– C’est un vrai BG, moi aussi il me plaisait bien, mais comme quoi j’ai bien fait de rester sur mes gardes », en faisant un gros clin d’œil.
Als wäre ich nicht so schon verwirrt genug, enthüllt Milan mir jetzt auch noch, dass er auf Jungs steht und an Paul interessiert war. Was für ein Abend! Ich stelle mir Paul und Milan Hand in Hand vor und muss schließlich doch noch lachen. Nicht, dass ich mich über meinen Freund lustig machen wollte, aber das sind dann doch ziemlich viele Informationen und Emotionen auf einmal. Ich bin noch immer unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen, und so nehme ich Milan einfach in den Arm, um ihm zu zeigen, dass ich froh bin ihn bei mir zu haben. In dem Moment kommen Astrid, Adel, Chloé und Clara. Um den Abschlussabend endgültig zu ruinieren, fehlt eigentlich nur noch ihre Moralpredigt. Aber sie kommt nicht, stattdessen muntern sie mich auf und sagen, dass sie mir nicht böse sind. Sie stehen auf meiner Seite, es tut ihnen leid, dass ich dem Charmeur mit den schönen Augen in die Falle getappt bin.
Astrid umarmt mich fest und liebevoll, zum ersten Mal spüre ich eine echte Verbindung zwischen uns, etwas Starkes, Festes, das mir bisher nicht bewusst war und alles andere übersteigt. Alle fünf bezeugen mir unmissverständlich ihre Freundschaft, ich fühle mich mit einem Mal stark und glücklich. Ich weiß, dass ich Paul nicht verzeihen werde und dass mich diese Geschichte, so kurz sie auch gewesen sein mag, noch lange verfolgen wird. Trotzdem wird mir jetzt klar, was ich für ein Glück habe.
Astrid m’embrasse chaleureusement, et je sens pour la première fois un lien fort entre nous, quelque chose dont je n’avais pas conscience, et qui pourrait transcender tout le reste. Tous les cinq m’entourent de leur amitié, et je me sens heureuse et forte à la fois. Je sais que je ne pardonnerai pas à Paul, et que cette histoire, même si elle fut de courte durée, me poursuivra longtemps, mais là, je réalise la chance que j’ai.
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