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Sommaire
Couverture Biographie Carte et Photos 1 Der erste Ferientag2 Schlechte Nachrichten?3 Kennenlernen4 Engel oder Teufel?5 Stadt-Rallye in München6 Die Maske fällt7 Die Wahrheit8 Eine unerwartete Begegnung
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Polices
Heute machen wir einen Ausflug nach München. Eine interaktive Stadtrallye erwartet uns, die Betreuer haben uns in zwei Gruppen eingeteilt. Ich bin mit Paul, Astrid, Yanis und Clara in einem Team. Sprachlich gesehen recht ausgewogen, aber von den Teilnehmern her könnte es besser sein. Los geht es mitten in der Stadt auf dem Marienplatz, wo wir um 11 Uhr am Rathausturm das Glockenspiel mit den bunten Holzfiguren beobachten sollen. Drei Mal am Tag dreht sich dort oben ein Figuren-Podest mit den historischen Fassmachern, die sich nach dem Ende der Pestepidemie als Erste wieder auf die Straße getraut und vor Freude getanzt haben sollen.
Aujourd’hui, nous partons en excursion à Munich. Une visite de la ville interactive sous forme de rallye est prévue. Les animateurs ont formé des groupes. Dans le mien, il y a Paul, Astrid, Yanis et Clara. Sur le plan linguistique, c’est plutôt équilibré. Sur les affinités, on aurait pu mieux faire. Le point de départ est place centrale, Marienplatz où Iris nous invite à observer à 11h le carillon de l’hôtel de ville, dont les personnages entament trois fois par jour la danse des tonneliers pour célébrer la fin de la peste.
Wir haben anderthalb Stunden Zeit, um die Aufgaben zu lösen und dabei die bayerische Hauptstadt zu entdecken. Natürlich spielt Paul sich sofort als Anführer auf, aber ehrlich gesagt bewundere ich ihn dafür, wie er die Sache in die Hand nimmt. Es ist eine der Phasen, wo er mich überhaupt nicht nervt, im Gegenteil: Wenn ich ihn ansehe, könnte ich dahinschmelzen! Ich finde seine Skinny-Jeans und den Kapuzenpulli ultra-cool, er ist einfach super gut angezogen, und dann noch seine tiefe Stimme und seine Art zu reden … Clara verdreht dagegen jedes Mal die Augen, wenn er ihr großzügig anbietet, eine Frage zu übernehmen oder einen der Händler am Viktualienmarkt zu befragen. An der Frauenkirche sollen wir ein Gruppen-Selfie machen und es an Julien schicken. Auf dem Foto kann man die Spannungen innerhalb unseres Teams deutlich erkennen. Clara und Astrid können die beiden Franzosen nicht leiden: Paul finden sie arrogant, während sie Yanis für einen Mitläufer halten. Ich stehe genau in der Mitte wie eine UNO-Blauhelm-Soldatin, hin- und hergerissen zwischen Geschlechter-Solidarität und den schönen Augen des French Lovers. Da Paul nicht dumm ist, versucht er mich zu überreden.
„Bei der nächsten Station sollen wir zu Dallmayr gehen und am besten ein Produkt aus dem größten Feinkostgeschäft Europas mitbringen. Kommst du mit, Elisa?“
Wir stehen vor dem Laden in der Dienerstraße. Meine Schwester und meine Zimmernachbarin sehen mich eindringlich an. „Soll er doch alleine gehen“, steht in ihrem Blick. Doch ich folge ihm brav. Dallmayr ist vor allem für seinen Kaffee bekannt, aber Paul hat gleich verstanden, dass man auffallen muss, wenn man die Rallye gewinnen will. Deswegen macht er nicht einfach ein Foto oder fragt nach einer Packung Kaffee, sondern bittet stattdessen um ein Stück Schokolade. Wir sprechen mit einer netten, wenn auch etwas hektischen Verkäuferin. Es waren vor uns schon andere Gruppen da, aber Paul trägt sein Anliegen in Versform vor, es ist eine Ode an die Lieblingsmarke seiner Gastfamilie, so dass die Frau gar nicht anders kann und ihm völlig verzaubert eine blau-weiß verpackte Tafel „Münchner Schokolade“ schenkt, die wir den anderen wie eine Trophäe präsentieren.
Nous sommes devant la boutique dans la Dienerstraße. Ma sœur et ma voisine de chambre me regardent avec insistance pour que je n’y aille pas, mais non, je le suis sagement. Dallmayr est aussi une des marques de café les plus connues, mais Paul a compris que pour gagner, il fallait se démarquer des autres groupes en rapportant un morceau de chocolat plutôt qu'un paquet de café. Nous tombons sur une vendeuse sympa, même si elle est un peu pressée. Elle a déjà rencontré d’autres camarades, mais Paul a concocté une demande en vers, sous forme de poème à la marque fétiche de sa famille d’accueil, et elle aussi tombe sous le charme. Nous ressortons avec une tablette de « Münchner Schokolade » aux couleurs bavaroises que je présente en trophée au reste du groupe.
Yanis findet es super, die Mädchen bringen hingegen nur ein gequältes „Nicht schlecht“ über die Lippen. Gruppenarbeiten sind ja schön und gut, aber wenn man sich nicht miteinander versteht, bringt es einfach nichts. Unter uns fünf wird die Stimmung immer gereizter. Auf einer der letzten Etappen der Stadt-Rallye vor der Rückkehr zum Marienplatz sollen wir ins Hofbräuhaus gehen, die berühmte bayerische Staatsbrauerei. Eigentlich wollten Astrid und ich dort ein Souvenir für unseren Vater kaufen, vielleicht einen dieser alten Bierdeckel, die er immer so gerne unter sein Glas legt, wenn er Freunde zu Besuch hat, aber leider öffnet der zum Brauhaus gehörende Shop heute erst später. Ich finde es schade, dass unser Vorhaben ins Wasser fällt, irgendwie kommt es mir so vor, als hätten wir die Stadtbesichtigung getrennt und nicht in der gleichen Gruppe erlebt, die Distanz zwischen uns ist noch größer geworden. Astrid und Paul können sich nicht riechen, so viel steht jedenfalls fest.
Es ist 12 Uhr 30. Alle Teilnehmer sind wieder am Treffpunkt. Jede Gruppe gibt ihren Fragebogen bei den Betreuern ab, am Abend bekommen wir dann die Auswertung. Bis dahin dürfen wir noch einmal in Kleingruppen in die Stadt gehen. Astrid ist sofort wieder bei Adel. Milan fragt mich, ob ich mit ihm ein Picknick machen möchte. Eigentlich würde ich sehr gern mit ihm über den Vormittag reden, aber Paul hat mir gleichzeitig signalisiert, dass wir etwas essen gehen könnten – nur wir beide.
12h30. Tout le monde est au rendez-vous. Chaque groupe remet son questionnaire. Nous aurons les résultats dans la soirée. En attendant, nous avons quartier libre dans la ville. Astrid retrouve Adel. Milan vient vers moi et m’invite à pique-niquer. J’aurais très envie de débriefer avec lui cette matinée, mais en même temps Paul m’a fait comprendre que nous pourrions passer un moment ensemble, en tête à tête.
Ich lehne daher Milans Angebot ab und nehme in Kauf, ihn zu verletzen – vielleicht wollte auch er mir Dinge anvertrauen, die ihm wichtig sind. Der schöne Paul zieht mich an wie ein Magnet, ich kann es nicht anders sagen. Wir gehen zum Rindermarkt und essen bei Vinzenzmurr eine Leberkässemmel, dann spazieren wir weiter in Richtung Isar-Ufer.
Zum ersten Mal seit gestern sprechen wir wieder über die Bretagne und stellen fest, dass wir tatsächlich einen gemeinsamen Bekannten in Quimper haben. Es ist schon verrückt: Der Junge, in den ich verschossen bin, kommt ausgerechnet aus der einzigen französischen Region, die ich richtig gut kenne! Ich würde jetzt so gern Paula anrufen und ihr das alles erzählen.
Meine Freundin fehlt mir, schließlich passiert es mir nicht oft, dass ich mich verliebe. Ich frage mich, was Paula wohl gerade macht, vielleicht geht sie mit Arno am Rhein-Ufer spazieren. Der Gedanke ist ein bisschen kitschig, ich muss innerlich über mich selbst lachen.
Ma copine ma manque, surtout que cela ne m’arrive pas souvent de tomber amoureuse. Je me demande ce que Paula est en train de faire, peut-être est-elle avec Arno, en train de se promener près du Rhin. Cette pensée un peu kitsch me fait sourire.
Paul erzählt mir von seiner Mutter und ihrer Kunst, es hat etwas Rührendes, wenn er über ihre Beziehung spricht. Er bewundert ihre Arbeit, sie bewundert ihren Sohn, zumindest kommt es mir so vor. Auf jeden Fall scheint ihre Bindung sehr eng zu sein. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ich jemanden in meinem Alter so enthusiastisch über seine Eltern reden höre. Ich selbst hätte bestimmt nicht so dick aufgetragen, „meine Mutter ist schon okay, manchmal nervt sie, aber auch nicht mehr als andere Mütter“, hätte ich vielleicht gesagt. Letztlich erzähle ich ihm überhaupt nichts über meine Eltern, und dabei wird mir bewusst, dass wir uns seit unserer Ankunft nicht mehr bei ihnen gemeldet haben. Die angeblich so besondere Mutter-Tochter-Beziehung existiert wohl vor allem in der Theorie.
Wir setzen uns auf eine freie Bank und packen unsere Sandwichs aus. Als guter Franzose auf Deutschland-Reise hat er sich zum Trinken eine Apfelschorle mitgebracht, weil es das in Frankreich nicht gibt, ich dagegen begnüge mich mit einer Cola Zero. Wir setzen unsere Unterhaltung fort, genauer gesagt: Er redet, ich höre zu. Ist das vielleicht auch eine Art von Dialog?
Nous trouvons un banc et nous arrêtons pour déballer nos sandwichs. Lui, en bon Français qui passe un petit moment en Allemagne, a pris comme boisson un Apfelschorle, parce qu’il ne lui est pas possible d’en commander en France, et moi un banal Coca zéro. Nous continuons à discuter, enfin, il parle, et je l’écoute. Peut-on dire que c’est aussi une forme de dialogue?
Während er gar nicht mehr aufhört zu erzählen, hänge ich ihm an den Lippen und schweige. Die Frage, welche Rolle ich eigentlich in unserer „Beziehung“ einnehme, stelle ich mir lieber später, zum Nachdenken habe ich jetzt keine Zeit. Paul könnte über jedes x-beliebige Thema sprechen, ohne dass ich es ihm übel nehme. Das tut er jetzt auch, er zeigt mit dem Kopf auf einen Mann neben uns, der brav an einer roten Fußgängerampel wartet, obwohl weit und breit kein Auto zu sehen ist.
„Die Ampel, eine deutsche Institution!“ ruft er übertrieben laut und lacht sich kaputt.
Normalerweise wäre ich jetzt richtig sauer geworden, denn eigentlich lehne ich solche billigen Klischees entschieden ab, aber heute, hier neben ihm auf dieser Bank, lächele ich nur verliebt, während er – mich küsst. Obwohl ich schon seit unserer Ankunft am Bahnhof Kempten daran denke, bin ich völlig perplex. Ich spüre, wie ich rot werde. Er blickt mich an und lächelt dabei. Wie gut er aussieht!
En temps normal, je me serais énervée en refusant ce genre de clichés, mais à ce moment précis, assise sur un banc, tout près de lui, je me contente de sourire et lui …. de m’embrasser. Même si je l’attendais depuis la première fois que je l’ai vu à la gare de Kempten, je n’en reviens pas. J’ai l’impression d’être rouge comme une pivoine. Il me regarde et me sourit. Je le trouve trop beau.
Schon vorher habe ich ja kaum gesprochen, aber jetzt bringe ich kein Wort mehr heraus. Ich bin überglücklich und gleichzeitig wie erstarrt, ich wünsche mir, dass der Moment ewig dauert. Eines ist sicher, ich habe absolut keine Lust, die Anderen wiederzutreffen, weder seine beiden Komparsen mit ihren dämlichen Kommentaren, noch meine Schwester und die anderen Mädchen, die meinen Schwarm als Schönredner abqualifiziert haben.
Irgendwie ist es schade, ich kann den Moment überhaupt nicht richtig genießen. Paul spricht nicht mehr, ausgerechnet jetzt, wo unser Schweigen langsam unangenehm wird. Ich schlage vor, unseren Spaziergang fortzusetzen. Beim Aufstehen bleibe ich auf Distanz, er dagegen umfasst meine Hand.
C’est dommage, je ne prends pas vraiment le temps de profiter du moment. Lui ne parle plu,s alors que ce serait le moment de combler le silence. Je lui propose d’aller se balader un peu. En me levant, je garde mes distances, et il prend ma main qu’il glisse dans la sienne.
Was ist, wenn uns jemand sieht? Einerseits bin ich stolz, an seiner Seite zu gehen, andererseits fürchte ich das Gelächter und die spöttischen Bemerkungen. Wir gehen in den Englischen Garten. Er hat von einem Bach gehört, an dem man das ganze Jahr über auf einer künstlichen Welle surfen kann. Auch ich kenne natürlich die „Eisbach-Surfer“. Wir gehen weiter und finden langsam zu einem normalen Gespräch zurück. Ich will mich nicht verrückt machen, was ich erlebe, ist einfach nur schön. Jetzt wäre der perfekte Moment, um Paula anzurufen.
Auf einmal kommt mir der DDR-Film „Die Legende von Paul und Paula“ in den Sinn, einer der Lieblingsfilme meiner Mutter über ein ostdeutsches Liebespaar. Die Handlung ist sehr traurig, finde ich, aber die Filmmusik von den Puhdys ist genial, vor allem das Lied „Wenn ein Mensch lebt“. Paul und Paula, lustiger Zufall. Sein Handy piept, Yanis hat eine SMS geschickt. Sie wollen sich am Eisbach treffen, unser romantischer Spaziergang ist schon wieder zu Ende.
Je pense au film « La légende de Paul et Paula », un des films préférés de ma mère sur ce couple mythique de la RDA. C’est un film super triste, je trouve, mais j’adore la musique des Puhdys « Wenn ein Mensch lebt ». Paul, Paula ... C’est marrant cette coïncidence. Il reçoit alors un sms de Yanis qui lui donne rendez-vous à la vague. Décidément, l’échappée romantique n’aura pas duré longtemps.
Kurz bevor wir den Treffpunkt erreichen, lasse ich Pauls Hand los und mache einen Schritt zur Seite. Wir sehen uns noch einmal an, ich zwinkere ihm zu. Yanis präsentiert stolz ein Fußball-Trikot, das er im FC Bayern-Shop gekauft hat. Er ist so begeistert, dass er überhaupt nicht zu merken scheint, was zwischen Paul und mir läuft. Umso besser. Felix ist auch da, aber er sagt nichts. Weiter hinten sehe ich die Anderen, und mir wird klar, dass wir offenbar alle die gleiche Idee hatten. Der freie Nachmittag verwandelt sich in eine kollektive Besichtigung der obligatorischen Touristen-Magnete. Adel, Chloé, Clara und Astrid sehen mich feindselig an, als ich langsam auf ihre Gruppe zugehe. Der Einzige, den ich nirgendwo sehe, ist Milan.
„Wo warst du denn?“ fragt meine Schwester vorwurfsvoll. „Wir dachten, dass du nach der Rallye mit uns kommst.“
Ich antworte ohne zu zögern: „Ich hatte Lust, ein bisschen alleine zu sein, und dann habe ich Milan getroffen. Die Eisbach-Welle ist cool, oder?“ Obwohl ich nicht den Eindruck habe, dass meine Erklärung besonders überzeugend war, breche ich die Befragung abrupt ab. Für die anderen ist unser Gespräch allerdings noch nicht zu Ende.
Je ne réfléchis pas longtemps à ma réponse :
– J’avais envie d’être un peu seule, puis j’ai retrouvé Milan qui voulait me parler. C’est trop chouette cette vague, vous ne trouvez pas ? Même si je ne pense pas avoir été très convaincante, je mets rapidement fin à l’interrogatoire. Mais de leur côté, ce n’est pas fini :
„Findest du nicht, dass Paul heute Vormittag krass übertrieben hat?“ mischt sich Clara ein, Astrid nickt zustimmend. „Sich als Chef aufzuspielen, für wen hält der sich eigentlich? Total nervig, der Typ. Keine Ahnung, was du über ihn denkst, er findet dich jedenfalls super toll, so viel ist sicher!“ Jetzt wird’s kompliziert. Dass ich mich nicht mit ihm zeigen, geschweige denn über unsere geheime Beziehung sprechen will, ist eine Sache. Aber so zu tun, als könne ich ihn nicht ausstehen, geht mir dann doch zu weit. „Ich mag Paul, und wenn es auf Gegenseitigkeit beruht, umso besser!“ schieße ich zurück.
Wow, ich habe es geschafft, ihnen mit einem Satz den Stecker zu ziehen, ohne mich dabei zu rechtfertigen. Die drei Mädchen scheinen mit meiner Antwort noch immer nicht zufrieden, aber was soll's. Der Bus wartet, es ist Zeit, ins Ferienzentrum zurückzufahren. Paul winkt mir von Weitem zu, er möchte dass ich mich zu ihm setze, doch ich hebe nur unauffällig die Hand. Ich muss ihm noch einmal deutlich sagen, dass ich unsere Liaison nicht vor allen ausbreiten will, weil sonst in unserem Zimmer bald eine Bombe hochgeht.
Purée, j'ai réussi à les faire taire en une seule phrase et sans me justifier. Les filles n’ont toujours pas l’air satisfaites de ma réponse, mais bon on en reste là et ce n’est pas plus mal. C’est le moment de retourner au bus et de rentrer au centre. Paul me fait signe de loin pour que je le rejoigne, mais je lui réponds par un simple geste de la main. Je dois lui expliquer que je souhaite une relation discrète pour éviter les foudres de la chambrée.
Auf dem Rückweg ziehe ich mich alleine in einen Zweiersitz zurück und schreibe endlich eine Nachricht an Paula. Ich bin mit dem coolsten Jungen der Gruppe zusammen. Er sieht gut aus, hat was im Kopf und kann sehr gut küssen. Ich würde ihn dir gerne mal zeigen. Und du? Wie läuft’s mit Arno? LG ♥
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