Ich nehme mir einen
Liegestuhl und will gerade mein Buch
aufschlagen, als ich meinen Vater aus der Garage rufen höre.
„Elisa, bist du im Garten? Kannst du mir bitte kurz helfen?“
Ich fasse es nicht. Anscheinend hat sich die ganze Welt gegen mich verschworen. Der Plan lautet, dass Elisa am ersten Ferientag auf keinen Fall in Ruhe gelassen werden darf. Als ob mir langweilig wäre und ich Unterhaltung bräuchte. Nichts frühstücken, mit keinem Menschen reden, faulenzen und frei über meine Zeit verfügen. Langsam stehe ich auf und gehe zu meinem Vater, der sein altes Fahrrad repariert. Wofür braucht er mich eigentlich, frage ich mich. Er könnte genauso gut Astrid rufen. Aber er weiß eben, dass er sich auf mich verlassen kann. Er merkt sofort, dass er mich gestört hat.
J’hallucine. Apparemment tout le monde s’est donné le mot pour qu’en ce premier jour des vacances, Elisa n’ait pas un moment de tranquillité. Comme si je m’ennuyais et qu’il fallait s’occuper de moi. Pas de petit-déjeuner, ne parler avec personne, trainer et disposer de mon temps. Je me lève lentement, et je vais voir mon père qui répare sa vieille bicyclette. Je me demande pourquoi il a besoin de moi en fait. Il pourrait appeler Astrid. Mais il sait parfaitement qu’il peut compter sur moi. Il remarque immédiatement qu’il m’a dérangée.
„Kriegst du diese kleine Schraube da rein? Ich sehe wirklich immer schlechter, ich glaube, ich brauche eine neue Brille.“ Die Sache ist in ein paar Minuten erledigt. Mein Vater freut sich. „Du bist einfach toll, meine Lisa. Genauso schlau und geschickt mit den Händen wie dein Vater, ich bin stolz auf dich!“ Er lacht über seinen eigenen Scherz. „Jetzt ruh dich aber noch ein bisschen aus, am Montag geht’s los für euch beide!“ Er wühlt weiter in seiner Werkzeugkiste und tut so, als wäre ich nicht mehr da.
Auf mein Buch habe ich jetzt keine Lust mehr. Auf meine Mutter eigentlich auch nicht, wobei ich schon ganz gerne wissen würde, was mein Vater gemeint hat. „Am Montag geht’s los“, was soll das heißen? Ich habe ihn erst gar nicht nach Details gefragt, weil er eh nie Bescheid weiß, was wir machen. Bei der Ferienplanung und sonstigen Terminen muss ich mich an meine Mutter wenden. Mal angenommen, ich könnte mein Schicksal selbst lenken, wohin würde ich dann am liebsten fahren? Und mit wem?
Maintenant je n’ai plus envie de lire ni d’aller voir ma mère, même si j’aimerais vraiment bien savoir ce que mon père entendait par « lundi, vous êtes sur le départ ». Qu’est-ce que ça veut dire ? Je ne lui ai demandé aucun détail car de toutes façons il n’est jamais au courant de ce que nous faisons. Pour les vacances et toute autre question d’organisation, il faut demander à notre mère. Et si je pouvais disposer de mon destin, où est-ce que cela me ferait le plus plaisir d’aller ? Et avec qui ?
Spontan denke ich an die letzte Klassenfahrt nach Frankreich mit Paula und Erika. Es war schön mit den beiden, vor allem ohne meine Eltern und meine Schwester. Es waren zwar auch Erwachsene dabei – diese bescheuerten Lehrer! –, aber wir hatten viel Freiraum und konnten oft allein mit den Austauschpartnern etwas unternehmen. Diesmal kommt aber anscheinend auch Astrid mit, mein Vater hat „für euch beide“ gesagt. Er meinte Astrid und mich, eindeutig. Ich hoffe nur, dass wir nicht die ganze Zeit zusammenbleiben müssen, so wie letzten Sommer bei Papas Schwester.
Unsere Tante ist zwar total nett, aber sie hat keine Kinder. Sie ist schon in Rente und hat daher viel Zeit, etwas mit uns zu machen oder „auf uns aufzupassen“, wie sie es immer ausdrückt. Sie sagt, wir seien „ganz schön anstrengend“, und deswegen ist sie auch immer ganz froh, wenn wir wieder gehen, glaube ich. Es stimmt ja auch: Bei ihr streiten Astrid und ich besonders viel, weil wir immer etwas von ihr wollen, aber natürlich nie das Gleiche. Manchmal spüre ich genau, wie genervt sie ist. Ich hoffe wirklich, dass wir diesmal nicht zu ihr fahren. Und weil ich es jetzt einfach nicht mehr aushalte und endlich wissen will, was uns erwartet, gehe ich wieder hinein, um Mama zu fragen.
Notre tante est vraiment très agréable, mais elle n’a pas d’enfant. Elle est déjà à la retraite, et donc elle a pas mal de temps pour faire des trucs avec nous et « nous occuper ». Elle dit aussi qu’on n’est « vraiment pas faciles à vivre » et c’est aussi pour ça qu’elle est toujours contente quand nous partons, du moins c’est ce que je pense. C’est vrai que nous nous disputons beaucoup chez elle avec Astrid, parce qu’on lui demande toujours quelque chose mais jamais pareil. Parfois, je ressens exactement l’énervement qu’elle peut avoir. J’espère vraiment que cette fois nous n’irons pas chez elle. Et parce que je ne peux plus attendre et que je veux enfin savoir ce qui nous attend, je rentre voir maman.
Sie befindet sich in der Küche und macht eine Lasagne für heute Mittag. Wir essen sehr oft italienisch, „die beste Küche der Welt“, behaupten meine Eltern. Zum Glück nicht schon wieder Gurkensalat, denke ich mir, und stelle mich hinter sie.
„Was ist denn jetzt mit nächster Woche?“ frage ich schließlich. Mama ist überrascht, sie hat mich nicht kommen sehen. Ich kann meine Ungeduld nicht länger verbergen. Sie lächelt mich an. „Meine Kollegin Rita hat mir von einer deutsch-französischen Jugendfreizeit im Allgäu erzählt. In der Nähe von Kempten“, sagt sie feierlich. „Zwei Teilnehmer haben im letzten Moment abgesagt. Da habe ich zugeschlagen und euch angemeldet. Das Treffen findet in Deutschland statt, aber ein bisschen ist es so, als würdet ihr nach Frankreich fahren. Ist doch super, oder?“
Ich verdrehe die Augen, so wie ich es immer mache, wenn ich genervt oder gelangweilt bin. Ich glaube, ich bin Weltmeisterin im Augenverdrehen. Gleichzeitig seufze ich verärgert, als ob sie mir gerade angekündigt hätte, dass ich die Ferien bei ihrer Cousine verbringen muss, die ich nicht ausstehen kann. Ins Allgäu. Etwas Langweiligeres gab es wohl nicht.
Je lève les yeux au ciel comme je sais bien le faire quand je suis énervée ou ennuyée. Je crois même que je suis championne du monde dans cette catégorie. En même temps, je soupire comme si elle venait de m’annoncer que j’allais passer les vacances chez sa cousine que je ne n’aime pas. En Allgäu. Il n’y a rien de plus ennuyeux.
Wenn ich noch ein bisschen jünger wäre vielleicht, so wie damals, als wir mit dem
Fahrrad zu den
Kühen gefahren sind, oder als ich nach der
Wanderung zum ersten Mal
Germknödel in der
Berghütte gegessen habe. Aber ich bin gerade 16 Jahre alt geworden, am 25. Juni hatte ich Geburtstag, und da habe ich jetzt wirklich auf so ziemlich alles Lust, nur nicht auf Urlaub im Allgäu! Und dann auch noch mit Astrid. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass meine Mutter
ernsthaft gedacht hat, sie könnte mir damit eine Freude machen. Als könnte sie Gedanken lesen, antwortet sie
unvermittelt:
„Jetzt fixier dich doch nicht nur aufs Allgäu! Da treffen sich Jugendliche aus ganz Deutschland und Frankreich. Es gibt Sprach-Ateliers und ein Sport-Programm, da kannst du viele Freunde kennenlernen, die du später vielleicht auch in Frankreich besuchen gehen kannst.“
– Ne te focalise pas sur l’Allgäu : il s’agit d’une rencontre franco-allemande avec autant de jeunes de toute la France et de toute l’Allemagne. Vous aurez des animations linguistiques, des activités sportives et tu pourras te faire de nouveaux copains que tu auras peut-être l’occasion de revoir en France.
„Okay, wenn ich richtig verstanden habe, fahre ich also am Montag ins Allgäu, mit Astrid. Montag, das heißt übermorgen. Echt genial, ich freue mich wahnsinnig, Mama.“ Ich bin ganz schön frech zu meiner Mutter, aber manchmal kann ich einfach nicht anders. „Dürfte ich vielleicht wenigstens erfahren, wie lange wir wegfahren? Dann bekomme ich bestimmt noch mehr Lust.“ Ich komme mir vor wie in einem Albtraum, ich möchte nur noch weg, weit weg. Dabei hatte ich mich so auf die Ferien gefreut.„Wie redest du denn mit mir? Es macht mich traurig, wenn du so reagierst, vor allem gegenüber deiner Schwester. Ich habe zwei Wochen für euch reserviert. Das Ferienzentrum soll richtig schön sein, ihr seid etwa zwanzig Jugendliche zwischen 14 und 17 aus beiden Ländern. Astrid hat sich total gefreut. Wirklich, Elisa, ich denke, das kann dich auf andere Gedanken bringen. Das letzte Schuljahr war nicht einfach für dich. Da kommt eine deutsch-französische Begegnung an einem möglichst ausgefallenen Ort doch gerade recht, um mal wieder richtig Spaß zu haben.“
Nichts zu machen, die Würfel sind gefallen. Meine Mutter teilt mir mit, dass unser Zug am Montagmorgen abfährt, um 9 Uhr 55 am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Die Fahrt wird fünf Stunden dauern, inklusive einmal umsteigen. Vom Zielbahnhof soll uns ein Bus des Reiseveranstalters ins Freizeitheim bringen. Dort bleiben wir dann zwei Wochen, vierzehn endlos lange Tage. Während Paula und Erika am Pool in der Sonne liegen, hänge ich mit Astrid und irgendwelchen wildfremden Franzosen am Ende der Welt herum. Wirklich, denen, die mir dieses tolle Geschenk gemacht haben, werde ich ewig dankbar sein!
Bon, il n’y a plus rien à faire. Les dés sont jetés. J’apprends par la suite que nous partons lundi en train, très exactement à 9h55 de la gare centrale de Düsseldorf. Cinq heures de trajet avec un changement. A l’arrivée, un bus affrété par l’organisme d’accueil nous emmènera dans le centre de vacances où nous resterons quinze jours, deux longues semaines. Pendant que Paula et Erika se retrouveront à la piscine, chez l’une ou chez l’autre, moi je serai avec Astrid et des inconnus au milieu de nulle part. Il ne faudra surtout pas que j’oublie de remercier mes parents pour ce superbe cadeau !
„Bestimmt Mama“, antworte ich kurz angebunden. „Ich rufe Paula an.“ Wütend stampfend gehe ich auf mein Zimmer. Es dauert keine Minute und Astrid steht vor mir. Sie strahlt über das ganze Gesicht. „Hast du es auch gehört? Super Idee, das mit der deutsch-französischen Begegnung, oder? Dieses Mal hat Mama echt alles richtig gemacht.“ Sie stutzt. „Warum guckst du mich so böse an? Ist es so schlimm, dass ich mitkomme? Keine Angst, ich laufe dir nicht die ganze Zeit hinterher, versprochen.“„Pass auf, ich hätte im Moment gern einfach nur meine Ruhe. Langsam habe ich echt das Gefühl, ihr habt euch alle abgesprochen, um mir meinen ersten Ferientag zu versauen. Was deine Frage betrifft: Ja, es ist schlimm, ins Allgäu zu fahren. Zwei Wochen lang, und dann auch noch mit dir!“
Astrid strahlt jetzt nicht mehr, sie sieht traurig aus. Im Moment ist mir das aber ziemlich egal. Sie geht aus dem Zimmer und ich drücke genervt die Tür hinter ihr zu. Schnell, mein Handy. Paula ist nicht erreichbar. Erika anzurufen habe ich keine Lust. Sie findet die Idee meiner Mutter bestimmt fantastisch, ich will nicht schon wieder als Spielverderberin dastehen. Ich nehme mir einen Comic und lege mich aufs Bett. Langsam sollte ich mir überlegen, was ich für die zwei Wochen mitnehme. Ich habe keine Ahnung, was ich anziehen soll.
Astrid n’a plus le sourire, elle semble même peinée. Je m’en fiche un peu sur le moment. Elle quitte ma chambre et je m’empresse de fermer la porte. Vite, mon portable. Paula n’est pas joignable. Je n’ai pas envie d’appeler Erika. Elle va me dire que ma mère a eu une idée géniale, et je n’ai pas envie de passer pour la rabat-joie de service. Je prends une BD et je m’allonge sur mon lit. Il va falloir que je réfléchisse à ce que j’emporte pour quinze jours. De toutes façons, je n’ai rien à me mettre.
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