Milan fährt vor mir, auf dem etwas klapprigen Leih-Fahrrad rast er über den Waldweg. Die Bedingungen für das Nachmittagsprogramm am See könnten kaum besser sein: Das Wetter ist sonnig und warm, die Betreuer haben gute Laune, und ich bin jetzt seit zehn Tagen mit Paul zusammen, ohne dass irgendwer davon Bescheid wüsste – offiziell zumindest.
Heute hat er wieder gegen Astrid gestichelt, in meinen Augen nichts Fieses oder Gemeines, aber da er sich seine Kommentare einfach nicht verkneifen kann, geht es trotzdem irgendwann zu weit. Meine Schwester kenne ich schließlich ganz gut, ich muss fairerweise sagen, dass sie seit Beginn des Aufenthaltes echt cool war, viel entspannter als sonst. Deshalb stört es mich umso mehr, dass ausgerechnet der Junge, in den ich verliebt bin, nicht damit aufhören kann sich über sie lustig zu machen. Astrid reagiert nicht auf seine Sprüche, ihre Verbündeten sagen auch nichts. Pauls Art kann einschüchternd sein, er hat etwas Dominantes. Eigentlich hasse ich das, aber mir gegenüber ist er anders. Er macht mir immer wieder Komplimente, manchmal kann er sogar ein richtiger Gentleman sein. Als ich ihm gesagt habe, dass ich vor den anderen nicht Arm in Arm mit ihm herumlaufen will, hat er echt locker reagiert und meine Entscheidung sofort akzeptiert. Wenn es dann eine günstige Gelegenheit gab und wir alleine waren, ist er zu mir gekommen und hat mich diskret geküsst. Beim „Natur-Challenge“ hat er mich auch super gut unterstützt, als ich nicht mehr weiterwusste.
Il a encore fait des réflexions à Astrid, je dirais que ce n’est rien de bien méchant mais comme elles sont récurrentes, ça commence à faire beaucoup. Pourtant, moi qui la connais bien ma petite sœur, je peux dire qu’elle est vraiment plus cool que d’habitude, et du coup, ça me gêne un peu que le gars dont je suis amoureuse passe son temps à se moquer d'elle. Elle ne riposte pas, et ses alliés ne disent rien non plus. Paul a quelque chose d’impressionnant, voire intimidant. En général, je déteste ça, mais avec moi, il est différent. Il me complimente régulièrement et je dirais même qu’il est attentionné. Lorsque je lui ai fait comprendre que je ne souhaitais pas qu’on nous voie ensemble, il n’a pas protesté et a même respecté ma décision. À chaque fois que l’occasion s’est présentée, il est venu m’embrasser discrètement; ou m’a juste encouragée lorsque je baissais les bras, notamment lors du « défi nature ».
Milan hat längst kapiert, was zwischen uns läuft, aber das macht nichts. Er ist nicht eifersüchtig, und im Gegensatz zu den Mädchen aus meinem Zimmer mag er Paul. Vielleicht fühlt er sich ja sogar selbst von ihm angezogen, wer weiß? Pauls Freundin bin jedenfalls ich, ich ganz allein, worauf ich ziemlich stolz bin, auch wenn ich weiterhin gut aufpasse, dass es niemand mitbekommt.
Auf dem Weg zum See bleibe ich in der Nähe von Milan. Er imitiert den Fahrstil der anderen und macht Witze über ihre Klamotten, ich komme aus dem Lachen nicht mehr heraus. Trotz seiner weiblichen Art ist er ein richtiger Draufgänger und fährt ganz schön riskant, mit akrobatischen Einlagen, um die anderen zum Staunen zu bringen. Als wir am See ankommen, bin ich bestens gelaunt.
Sur le trajet vers le lac, je reste proche de Milan qui me fait rire en se moquant de la façon de pédaler des autres participants, ou de leur tenue. Malgré son côté très féminin, il est aussi casse-cou et n’hésite pas à prendre des risques, ou à tenter quelques acrobaties pour amuser les autres. Moi je ris beaucoup de ses bêtises. Nous arrivons au lac et je suis d’excellente humeur.
Die Betreuer zeigen uns, wo wir die Fahrräder abstellen können, dann gehen wir zum Strand hinunter. Auf dem Programm stehen Beach-Volleyball, Tretbootfahren und Relaxen.
Adel und Astrid stürzen sich auf ein Beachball-Set. Paul hat offenbar die gleiche Idee. Um als Erster an die Schläger zu kommen, verpasst er meiner Schwester einen Stoß mit dem Ellbogen. Ich habe die Szene nicht gesehen, aber Astrid erzählt mir alles haarklein, sie ist stinksauer auf Paul. Es fällt mir schwer, ihr zu glauben. Da ich jetzt den Nachmittag und das schöne Wetter genießen will, sage ich nur, dass er es bestimmt nicht absichtlich gemacht hat, vielleicht hat er einfach wie ein kleiner Junge nach seinem Spielzeug gegrapscht, und in dem Fall hätte sie sich eben wehren müssen.
Es ist doch nicht meine Aufgabe, ihre kindischen Streitereien zu schlichten! Ich beschließe also, es mir jetzt einfach gutgehen zu lassen, ohne Paul nach seiner Version der Geschichte zu fragen. Zusammen mit Milan melde ich mich für eine einstündige Fahrt im Tretboot an.
Après tout, ce n’est pas à moi de régler ces chamailleries enfantines. Je décide donc de profiter de ce moment près du lac, sans demander à Paul de me donner sa version des faits. Avec Milan, nous optons pour une session « tour d’une heure en pédalo ».
Paul wirft mir einen schiefen Blick zu, als er uns zum Ufer hinuntergehen und in unser Boot steigen sieht, dabei weiß er genau, dass er von Milan nichts zu befürchten hat, der für mich wie ein Bruder ist. Sobald unsere Bootsfahrt vorbei ist, werden wir wieder alleine sein, nur Paul und ich.
Am Strand ist viel los, fast alle haben ein Eis in der Hand. Für mich ist der Anblick eigentlich ganz normal, denn in Deutschland essen die Leute das ganze Jahr über Eis, auch im Winter. In einer Folge der Arte-Sendung Karambolage habe ich mal eine Kurzreportage über „Das Laster der Deutschen“ gesehen, die Eisdiele. Das Eis in Deutschland ist auch wirklich nicht teuer, ganz im Gegensatz zum französischen Eis. Ich erinnere mich gut, wie ich in der Bretagne beim Preis von einer Kugel Vanille einmal fast vom Stuhl gefallen wäre. Der Geschmack ist auch nicht der gleiche, bei uns muss das Eis immer schön cremig sein. Wenn wir wieder am Ufer sind, will ich mir auch eins kaufen.
Milan kurbelt sehr schnell, aber dank meiner muskulösen Beine kann ich das Tempo halten. Es macht richtig Spaß mit ihm!
Milan pédale vite, et moi, avec mes jambes musclées, je maintiens le tempo. On est trop bien là tous les deux.
Plötzlich fragt er ohne Vorwarnung: „Und, wie lange bist du jetzt schon mit Paul zusammen?“
Wir haben bisher noch nie darüber gesprochen. Es ist mir ein bisschen unangenehm, da ich nicht auf die Frage vorbereitet war.
„Seit drei Tagen“, antworte ich betont natürlich, spüre aber, wie meine Wangen erröten. „Er sieht gut aus, ist klug und hat Humor“, sagt Milan. „Trotzdem stimmt etwas nicht mit ihm. Er kann richtig gemein sein, Astrid gegenüber macht er die ganze Zeit seine blöden Sprüche. Das ist dir doch auch aufgefallen, hoffe ich?“
„Seit drei Tagen“, antworte ich betont natürlich, spüre aber, wie meine Wangen erröten. „Er sieht gut aus, ist klug und hat Humor“, sagt Milan. „Trotzdem stimmt etwas nicht mit ihm. Er kann richtig gemein sein, Astrid gegenüber macht er die ganze Zeit seine blöden Sprüche. Das ist dir doch auch aufgefallen, hoffe ich?“
Unsere Tretbootfahrt verwandelt sich auf einmal in eine Grundsatzdiskussion über meinen Lover, dessen Schwächen mir zwar auch langsam klar werden, den ich aber einfach nicht kritisieren möchte. Das andere heikle Thema ist die Situation meiner Schwester, die bisher wirklich cool war und mich in Ruhe gelassen hat, so dass ich machen konnte, was ich will. Warum muss ausgerechnet Milan das alles erwähnen? Ich weiche der Frage aus, indem ich aufhöre zu treten und stattdessen in das kristallklare Wasser springe. Ich entferne mich tauchend vom Boot, Milan bleibt verdutzt zurück. Da er sich aber so schnell nicht geschlagen gibt, springt er mir hinterher und holt mich ein.
Le tour en pédalo se transforme en discussion profonde sur le garçon avec qui je sors, et même si je commence à réaliser qu’il a certains défauts, je n’envisage pas de le voir sous un angle critique. Et en plus, il est question des malheurs d’Astrid, dont l’attitude assez cool à mon égard me permettait jusqu’alors de passer un séjour plutôt serein, et dont la présence n’était pas gênante. Pourquoi Milan que j’adore, me parle-t-il de ça ? J’élude la question en m’arrêtant net de pédaler, et en plongeant dans l’eau cristalline du lac. La tête sous l’eau, je m’éloigne du pédalo en laissant derrière moi un Milan pantois. Comme il lui en faut plus pour s’avouer vaincu, il saute à son tour et me rejoint.
„Wenn du nicht über deinen Lover sprechen willst, kein Problem“, ruft er mir zu. „Dann denk aber wenigstens mal ein bisschen über seinen Charakter nach.“
Er sprüht Wasser durch seine Zahnlücke und winkt mich zum Tretboot zurück. Der Rest unseres kleinen Ausflugs verläuft sehr entspannt, wir lachen viel und haben eine Menge Spaß. Als wir das Tretboot wieder abgeben, habe ich längst vergessen, dass ich mir ein Eis kaufen wollte. Ich denke nur noch an meinen Franzosen, der am Strand auf mich wartet.
Paul glotzt sie wie versteinert an und ruft laut:
„Mein Gott, was ist denn mit dir passiert! Schon mal was von Sonnencreme gehört? So eine helle Haut und dann auch noch allergisch, da würde ich an deiner Stelle lieber in den Keller gehen. Du siehst aus wie ein Streuselkuchen1!“
„Mein Gott, was ist denn mit dir passiert! Schon mal was von Sonnencreme gehört? So eine helle Haut und dann auch noch allergisch, da würde ich an deiner Stelle lieber in den Keller gehen. Du siehst aus wie ein Streuselkuchen1!“
Er bricht in gurgelndes Lachen aus. Mir schießt das Blut in den Kopf, am liebsten möchte ich verschwinden. Mir kommt die Erzählung in den Sinn, von der Papa mir so oft erzählt hat, und sehe vor mir einen neuen Paul, halb Engel, halb Dämon, wie in Doktor Jekyll und Mister Hyde. Auf einmal flackert das Gesicht von Niels vor mir auf wie ein Hologramm, gleichzeitig hallt Milans Stimme in meinen Ohren nach. Astrid hat Tränen in den Augen. Sie sagt nichts. Ich nehme vier Euro aus meinem Portemonnaie und halte sie ihr hin. Sie sucht meinen Blick, wahrscheinlich erwartet sie, dass ich reagiere. Schließlich nimmt sie das Geld und geht mit schnellen Schritten weg. Es ist verrückt, sie weiß nicht einmal, dass ich mit Paul zusammen bin, ich glaube, sie hat wirklich nicht die geringste Ahnung. Ich kann mir vorstellen, wie verzweifelt sie ist. Es muss schlimm sein, eine große Schwester zu haben, die nicht einmal in der Lage ist, einen zu verteidigen.
Il éclate de rire. Le sans me monte au cerveau, et je ne sais plus où me mettre. Je pense au roman dont papa m’a souvent parlé, et je vois devant moi un nouveau Paul, mi ange, mi démon, tel Docteur Jekyll et Mister Hyde. D'un coup, le visage de Niels s’affiche en hologramme, les propos de Milan aussi font écho avec la scène qui est en train de se jouer. Astrid a les larmes aux yeux. Elle ne répond pas. Je sors quatre euros de mon porte-monnaie et les lui tends. Elle cherche mon regard, attendant certainement une réaction de ma part, puis elle prend l'argent et et s'éloigne rapidement de nous. Dire qu’elle ne sait même pas que je sors avec Paul. Elle ne doit même pas s’en douter. J’imagine son désarroi face à cette grande sœur qui ne la défend pas.
Mein Blick wandert wieder zu Paul, ich spüre die Spannung zwischen uns. Er lächelt zufrieden, sein Gesichtsausdruck ist neu für mich. Ich fühle mich wie im falschen Film. Habe ich mich wirklich auf der ganzen Linie getäuscht? Ausgerechnet in dem Jungen, in den ich mich so unsterblich verliebt habe? Obwohl ich immer noch total perplex bin, schaffe ich es schließlich zu antworten.
„Für wen hältst du dich eigentlich, meiner Schwester gegenüber die ganze Zeit irgendwelche Bemerkungen zu machen? Hat sie dir etwas getan, oder kannst du sie einfach nicht leiden? Du hast sie verletzt, aber das fällt dir anscheinend nicht einmal auf.“
„Für wen hältst du dich eigentlich, meiner Schwester gegenüber die ganze Zeit irgendwelche Bemerkungen zu machen? Hat sie dir etwas getan, oder kannst du sie einfach nicht leiden? Du hast sie verletzt, aber das fällt dir anscheinend nicht einmal auf.“
Im Nachhinein, als die Szene noch einmal vor meinem inneren Auge abläuft, denke ich, dass meine Reaktion noch vergleichsweise harmlos ausgefallen ist. Wahrscheinlich habe ich unbewusst versucht, eine Situation zu retten, die längst verloren war.
Plus tard, lorsque je me repasserai le film de cette scène, je me dirai que mes propos étaient bien gentils, et que j’essayais inconsciemment de sauver une situation vouée à l’échec.
Paul springt auf und tut entrüstet:
„Mach dich mal locker, das war doch nur zum Spaß! Du hast ja wohl auch ihren Sonnenbrand gesehen, oder etwa nicht? Ja, ehrlich gesagt finde ich deine Schwester ziemlich dumm, sie hat ja nicht mal daran gedacht, ihr eigenes Taschengeld mitzubringen.“ Und als wenn nichts gewesen wäre, wechselt er das Thema: „Also ich gehe schnell noch einmal baden, bevor wir abfahren. Kommst du mit?“
„Mach dich mal locker, das war doch nur zum Spaß! Du hast ja wohl auch ihren Sonnenbrand gesehen, oder etwa nicht? Ja, ehrlich gesagt finde ich deine Schwester ziemlich dumm, sie hat ja nicht mal daran gedacht, ihr eigenes Taschengeld mitzubringen.“ Und als wenn nichts gewesen wäre, wechselt er das Thema: „Also ich gehe schnell noch einmal baden, bevor wir abfahren. Kommst du mit?“